Würzburg. "Die schicke Bluse? Die stammt von Marks &
Spencer; habe ich letzte Woche in London gekauft", sagt Hanna Davis-Ziegler und freut sich über das
Kompliment. Die 84 Jahre, davon 54 Jahre in Afrika, sieht man der resoluten alten Dame nicht an: eine echte
"Lady", humorvoll, unprätentiös und manchmal von entwaffnender Direktheit.
"Wissen Sie, heute fragt Sie jeder, von welcher Organisation oder von welchem Orden Sie kommen. Aber was
die Laien für den Gesundheitsdienst in Afrika geleistet haben, das wird völlig unterschätzt!"
Dr. Davis-Ziegler muss es wissen: Seit 1948, als sie an ein Hospital in Fatima kam, hat sie gemeinsam mit ihren
Kolleginnen drei Krankenhäuser in Simbabwe aufgebaut: 1950 St. Luke an der großen Landstraße
zu den Victoria Fällen, 1960 St. Paul's im Norden der Bischofsstadt und 1964 St. Anne's Brunapeg im Süden
des Landes.
Damals war vieles einfacher und unbürokratischer, von der Beantragung von Geldern bis hin zur Entscheidung
über nötige Baumaßnahmen. Mit dem Landrover wurden die Patienten besucht und Kontakt mit den
übrigen Krankenhäusern gehalten. Einheimische "Nurses" sorgten für die Verständigung.
In schweren Fällen wurden die Patienten ins staatliche Krankenhaus in der Distrikthauptstadt Bulawayo eingewiesen.
"Wir waren wie eine große Familie. Was haben wir mit den Kolleginnen gealbert und Spaß gehabt",
erinnert sich die Missionsärztin an die Pionierjahre in Simbabwe. "Powerfrauen" würde man
die vier abenteuerlustigen Medizinerinnen heute nennen, die sich mit Wagemut und Gottvertrauen auf das Unternehmen
"Missionsmedizin" einließen. Umso härter traf es die "Missionsfamilie", als ihre
Kollegin Hannah Decker 1977 von einem betrunkenen Freischärler der Rebellenarmee erschossen wurde.
Wie kommt man auf die Idee, Missionsärztin zu werden? Dr. Davis-Ziegler nahm schon als Oberschülerin
an den Sommercamps der Organisation "Missionskreuz Studierende Jugend" teil, auf denen sie Gleichgesinnte
traf. Einige der Mädchen traf sie in Würzburg wieder, als sie in das Missionsärztliche Institut
eintrat, den Missionseid ablegte und Medizin studierte. Drei dieser Studienfreundinnen kamen dann später
auch nach Afrika, um die ehemalige Kommilitonin bei ihrer Tätigkeit in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe,
zu unterstützen.
Die Studienzeit war entbehrungsreich, aber das Ziel ließ Hanna Davis-Ziegler Mühen und Schwierigkeiten
vergessen. "Ich wollte immer Missionsärztin werden. Nur deshalb habe ich Medizin studiert", bekennt
die alte Dame heute. Um der Arbeitertochter das Studium zu ermöglichen, legten Freunde und Verwandte zusammen.
1943 war es geschafft: Die junge Medizinerin bestand das Staatsexamen. Damals war freilich an einen Missionseinsatz
nicht zu denken: Deutschland befand sich im Krieg. Die frisch gebackene Frau Doktor wurde von der Universität
weg notdienstverpflichtet und einem Amtsarzt zugeteilt. "Dort habe ich für meine spätere Tätigkeit
enorm viel gelernt", urteilt sie rückblickend. "Kinderreihenimpfungen, Gesundheitsaufklärung,
Prävention, all das konnte ich in Afrika gut gebrauchen."
1947 ging Hanna Davis-Ziegler nach England, "sonst hätte ich mich niederlassen müssen, und dann
hätte ich den Absprung nicht mehr geschafft". 1948 begann dann ihr Einsatz in Rhodesien. Heute lebt
die Ärztin als Pensionärin in Bulawayo.
Schlangen, Spinnen, Skorpione? Ist das nicht abschreckend für eine Frau? "Wissen Sie, da muss man
eben Schuhe tragen", sagt die Doktorin augenzwinkernd. Was sie in Afrika am meisten beeindruckt hat? Die
Natürlichkeit, Fröhlichkeit und die große Ehrlichkeit der Einheimischen. Sprachbarrieren gab
es nie.
"Warum bist Du so traurig?", wurde Dr. Davis-Ziegler bei der Visite von zwei alten, unheilbar krebskranker
Männer gefragt. "Weil ich Euch nicht wirklich helfen kann." "Da brauchst Du nicht traurig
zu sein. Wir gehen in unseren Himmel", wurde die weiße Ärztin getröstet.
Nach mehr als einem halben Jahrhundert Tätigkeit in Afrika beurteilt die Missionsärztin den Medizinbetrieb
in Deutschland kritisch: Viel zu viele unnötige Laboruntersuchungen und viel zu wenig Zeit, um den Patienten
zuzuhören und um mit ihnen zu reden.
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