18. Oktober 2003 - Fest des Heiligen Lukas, Evangelist
und Arzt, Namens- und Schutzpatron unseres Krankenhauses
Liebe Mitglieder und Freunde des Fördervereins AFRIKAPROJEKT,
ich habe mir vorgenommen, jedes Jahr zum 18. Oktober einen Bericht zu schreiben, der nicht nüchtern Rechenschaft
über meine Arbeit geben soll, sondern eher meiner Begeisterung, meinem Dank, aber auch meinen Enttäuschungen
Ausdruck verleihen soll. Er ist vor allem auch für die Freunde und Mitglieder unseres Afrikaprojektes gedacht,
die ich nicht über Internet erreichen kann.
Als mein Sohn Oliver vor zwei Jahren im „Aktuellen Bericht“ vom Moderator gefragt wurde: „Wie
schafft ihr das und woher nehmt ihr das Engagement für die Unterstützung Eures Vaters“?, gab
er eine Antwort, auf die ich sehr stolz bin!
„Unser Vater hat uns das vorgelebt und er hat uns die Latte sehr hochgelegt.“
Jetzt nach zweieinhalb Jahren St. Luke’s stelle ich fest, wie mir von Mitgliedern und Freunden des Afrikaprojektes
die Latte immer höher gelegt wird. Täglich muss ich mich den Herausforderungen stellen, die an mich
herangetragen werden. Die Vielfalt der Aktionen, die Begeisterung von Einzelpersonen, Jung und Alt, von Familien,
Gruppen, Firmen und Verbänden, die unsere Arbeit unterstützen, sind die Anfeuerungsrufe, dass ich
den Anlauf zum Hochsprung nicht abbreche. Mit meiner langjährigen Berufserfahrung traue ich mir noch 1,20
m zu. Doch die Latte liegt inzwischen bei 2,20 m. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, jüngere
Mitarbeiter zu finden, die das Zeug haben, 2,20 m und mehr zu springen.
Unser Ärzteteam ist jung, in manchen Situationen zu jung und noch unerfahren:
Dr. Julie , 34, aus dem Kongo, seit drei Monaten bei uns,
Dr. Mpeta , 28, aus Zimbabwe, seit Oktober 2002,
Dr. Nyahwai , 28, aus Zimbabwe, seit März 2002.
Mit 65 bin ich „der Alte“.
Großen Rückhalt habe ich in unserem Verwalter Gordon Hlatywayo, der mit viel Eigeninitiative unsere
Arbeit voranbringt.
Das Missionskrankenhaus St. Luke’s, gehört der Erzdiözese Bulawayo. Erzbischof Pius Ncube, der
durch sein mutiges Auftreten gegenüber dem Staatspräsidenten Mugabe weltweit Schlagzeilen gemacht
hat, ist unser Arbeitgeber.
Das vor 53 Jahren gegründete Krankenhaus hat jetzt 236 Betten. Es liegt in einer der ärmsten und unfruchtbarsten
Provinzen Zimbabwes im Matabeleland Nord, 140 km nordwestlich von Bulawayo. Das Einzugsgebiet umfasst ca. 150
000 Menschen, die in einem Umkreis von 100 km vorwiegend in Krals leben.
Dem Krankenhaus angeschlossen sind eine Krankenpflegeschule und eine Hebammenschule mit insgesamt 60 Schülerinnen
und Schülern.
Ich habe in den zweieinhalb Jahren viel gelernt, von meiner Anfangsbegeisterung aber habe ich nichts verloren.
Begeisterung
Überrascht und begeistert bin ich immer wieder von der Freundlichkeit der Menschen, mit denen ich es im
Krankenhaus oder unterwegs zu tun habe.
Ich freue mich über die Ausgelassenheit und Vitalität der gesunden Kinder.
Ich bewundere die Tapferkeit und Leidensfähigkeit der Armen und Kranken in ausweglosen Situationen.
Ich staune über die Selbstsicherheit der Frauen.
Ich bewundere und beneide die Musikalität und Redebegabung von Groß und Klein.
Begeistert bin ich von der Natur, ob ich am Rand einer 200 Meter tiefen Schlucht stehe, die Vielfalt und Blütenpracht
der Pflanzenwelt genieße oder Wildtiere beobachte.
Ebenso begeistert und überrascht bin ich immer wieder von der Hilfsbereitschaft der guten Menschen zu Hause.
Liebe Freunde und Bekannte, aber auch viele Unbekannte machen mir Mut durch großzügige Spenden. Ich
weiß, dass viele Menschen für mich beten!
Im vergangenen Jahr haben zwölf Besucher aus dem Saarland tatkräftig in St. Luke’s mitgearbeitet.
In diesem Jahr werden es fünfzehn sein. Ich weiß ihr Können, ihr zeitliches und finanzielles
Opfer sehr zu schätzen.
Enttäuschungen
Ich bin natürlich enttäuscht über die Misswirtschaft und Korruption der Regierung, über
die Lügen und leeren Versprechungen, über die Gleichgültigkeit gegenüber den Armen und Kranken,
über die Gewalt und Einschüchterungen gegen Andersgesinnte.
Als Arzt in einem Buschkrankenhaus werde ich mit den Folgen des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs
täglich hautnah konfrontiert.
Die Willkür, Korruption und der Egoismus der Mächtigen hat sich leider auch auf die Verantwortlichen
in vielen Berufsschichten ausgewirkt. Die Arbeitsmoral, Eigeninitiative und Vorbildfunktion einiger unserer
Mitarbeiter in Schlüsselfunktionen lässt sehr zu wünschen übrig.
Ich hab immer gedacht, ich sei ein geduldiger Mensch. Als Geburtshelfer ist und bleibt die Geduld für mich
die Haupttugend, um erfolgreich zu sein. Hier wird meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. In den zweieinhalb
Jahren habe ich viel gearbeitet, viel begonnen, aber von meinen Zielen bin ich noch weit entfernt. Gott hat
den Europäern die Uhr geschenkt, den Afrikanern aber die Zeit. Mit dieser Tatsache muss ich mich täglich
neu auseinandersetzen.
Dank
Durch meinen Entschluss nach Afrika zu gehen, habe ich zu Hause viele neue Freunde hinzu bekommen. Einige waren
es schon früher, aber ich hatte sie nicht als Freunde erkannt. Ich bin überwältigt von deren
Anteilnahme an meinem stillen Entschluss, etwas zurück zu geben, was eigentlich etwas Selbstverständliches,
ja Verpflichtendes ist.
Ich habe hier in Zimbabwe neue Freunde bekommen, auf die ich stolz bin: Missionare, Mitarbeiter, Patienten,
Kinder. Allen, hier und zu Hause, herzlichen Dank!
Im Jahr schreibe ich weit über tausend E-mails, um den Kontakt mit Freunden und Bekannten nicht abreißen
zu lassen und um mich zu bedanken. Es tut mir leid, wenn ich hin und wieder aufmerksam gemacht werden muss,
dass ich jemanden vergessen habe.<
Hat die Arbeit hier überhaupt Sinn?
In der momentanen Sinnlosigkeit und in dem Niedergang um uns herum, könnte man unseren Einsatz zu Hause,
wie hier vor Ort, bezweifeln. Wir werden keine großen Veränderungen in Zimbabwe bewirken. Wir werden
hier keine offiziellen Ehrungen und Anerkennungen bekommen. Man wird uns eher Schwierigkeiten bereiten bei der
Arbeit, Armen und Kranken zu helfen. Aber es sind gerade die Armen und Kranken, die uns mehr zurückgeben,
als wir geben. Es sind ihre dankbaren Blicke. Es ist das Lachen der Kinder, die eben eine schwere Malaria überstanden
haben. Es sind die ausgelassenen Schulkinder, die wieder die Schule besuchen können, weil sie von Pateneltern
unterstützt werden. Es sind die Besucher aus Deutschland, die den Menschen hier zeigen, dass sie nicht
vergessen sind. Es sind die kleinen, alltäglichen Hand-Reichungen, die unsere Schwestern und Brüder
die Hoffnung nicht verlieren lassen.
Liegt die Latte zu hoch? Nein! - Wir müssen keinen neuen Weltrekord im Hochsprung aufstellen! Wir dürfen
nur nicht in unseren bequemen Sesseln sitzen bleiben, wenn es an unserer Türe klopft.
„Je länger man lebt,
desto deutlicher sieht man,
dass die einfachen Dinge
die wahrhaft größten sind.“
Romano Guardini
Liebe Freunde, herzliche Grüße aus dem sommerlichen Zimbabwe in das herbstliche Deutschland
Ihr Hans Schales
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10. September 2003 - Herzliche Grüsse an alle Helfer und Freunde, die sich am Sonntagnachmittag zum Meeting
eingefunden haben!
Es ist schwül-heiss, die Temperaturen steigen, heute haben wir die 33° erreicht. Ich habe seit gestern
Dienst, da Nyahwai sein Auto aus der Reparatur holen musste und heute zu einem dreitägigen Meeting nach
Hwange aufgebrochen ist.
Der gestrige Tag hat um 7 Uhr mit einem Kaiserschnitt angefangen, der wegen Verwachsungen und Entwicklung des
Kindes durch die Placenta hindurch nicht für einen Anfänger war. Danach war lebhafte Ambulanz bis
um 13 Uhr. Unterbrechungen durch Hilferufe von den Stationen, da sich das erfahrene Personal, einschliesslich
der Matron,wie an Wochenenden üblich, in die Stadt abgesetzt hatte. Der Nachmitag war mit stündlichen
Anrufen aus den wards durchwachsen, ab 18.00 wurde es ruhiger, vielleicht auch wegen des Stromausfalls. Nur
eine 80 jährige herzkranke Diabetikerin ist um 23.00 gestorben und ein dehydriertes 7 Monate altes Kind
um 23.30. Ab diesem Zeitpunkt wurde auch unser Stromaggregat abgeschaltet und die Sterne konnten ihre volle
Pracht in der ruhigen dunklen Nacht entfalten. Um 05 Uhr kam der Strohm zurück.
Um 7°° begann der Tag mit einer Vakuumgeburt, wieder mit einer äusserst seltenen Komplikation,
Nabelschnurabriss. Das Kind hatte einen guten Schutzengel und ist wohlauf. Wegen lebhaftem Ambulanzbetrieb musste
ich die Kirche schwänzen.
Um 13.30 traf eine Engländerin mit Sack und Pack ein. Wir haben ihr Unterkunft zugesagt, da sie bis heute
12.00 die Farm verlassen musste, auf der sie über 20 Jahre beschäftigt war. Die Farm wurde von einem
Parteibonzen "übernommen".- Ein 71 jähriger Farmer,im Rollstuhl, musste ebenfalls Haus und
Hof verlassen. Alles was die Regierung behauptet, dass jeder Farmer einen Anteil seiner Farm behalten darf ist
Lug u. Trug! -Der Engländerin hatte ich vor einem Jahr an der Vic.Falls Road einen lift gegeben, sie hatte
mich vor drei Tagen angerufen. Ich war erschüttert, als ich beim Abladen ihrer ärmlichen Habseligkeiten
half.
Sie wird jetzt im Haus, in dem Prof. Kirsch untergebracht war, wohnen, bis sie eine Bleibe in der Stadt gefunden
hat.
Um 15.00 wurde eine 41 Jährige halbseitengelähmte Frau aufgenommen, deutlich von AIDS gezeichnet,
ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben. Sie hat nichts mehr zum Essen. Ein Kinderzimmer ist mit 12 hungernden
u. fehlernährten Kleinkindern belegt.
Vor einer halben Stunde kam eine Mutter mit frühgeborenen Zwillingen zur Aufnahme, beide Kinder sind auf
dem Weg zum Krankenhaus gestorben.
Die wirtschaftliche und politische Situation spitzt sich zu. Man braucht keine Nachrichten aus der Zeitung oder
dem Rundfunk verfolgen, man muss nur den Menschen in die Augen sehen.
Um so mehr freue ich mich zu wissen, dass Freunde zu Hause an uns denken,
mit lieben Grüssen euer
Hans
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